Kevin Devine Secret Show, 20.05.2013

Wer, wie ich, als Musikinteressierter und doch auch -verdrossener, weil man, wie sogar Bachelor-Studenten schon kurze Zeit nach Beginn ihres Studiums feststellen müssen, kaum mehr Gelegenheit zur sorgfältigen Betrachtung, Behörung, Beschallung von und durch Musik finden kann, noch nie zuvor etwas von Kevin Devine gelesen oder eben, darum geht es ja, gehört hatte, der wurde erst einmal nicht schlecht überrascht, dass Facebook es viel besser weiß: mit 35.000 Daumen-hochs muss man davon ausgehen, dass er nicht mehr nur eine Nische befüllt.

Kevin Devine tourt gerade durch Deutschland, Trier, Wiesbaden, Hamburg, Bremen usw. und macht Station in kleinen und sorgfältig ausgewählten Konzertsäälen. Am Pfingstmontag erfuhr diese Auswahl ihr Krönchen durch ein kleines, als geheim (aber nicht illegal!) angekündigtes Konzert in Berlin Stralau.

 

Wenn Kritiker von Chilly Gonzales schreiben, dass er die Bühne zu seinem Wohnzimmer mache und dem Publikum ein Gefühl von Unmittelbarkeit gebe, dann muss man durch den Vergleich zweifelsohne zugeben, dass eine Bühne erst dann zu einem Wohnzimmer wird, wenn sie sich in einem Wohnzimmer befindet. Das allein macht zwar noch keinen erwähnenswerten Künstler, sorgt aber doch für eine solide Basis, um als solcher markiert zu werden.

Da steht er also im Erker der Altbauwohnung, mit Charme und Witz, einer Gitarre und einem roten Bart, verschmitzten Augen und einer Stimme, die Mal das Instrument ersetzt, in diesem Fall eine Gitarre, wie es sich für einen Singer-Songwriter gehört, und mal ganz zahm eine feine Symbiose mit eben diesem bildet. Als Noch-Nicht-Die-Texte-von-Devine-Kenner erschließen sich Inhalt und Melodie der Songs in von einander getrennten Einheiten. Entweder hört man auf die Melodie oder auf den Text: ein Qualitätsmerkmal für einen Songwriter, denn simples Vokabular kann jeder in seine Songs packen. Wer dann den Text vergisst, kann in Scham versinken oder die Fassung verlieren oder Grinsen und Fuck sagen und nochmal Fuck und es dann einfach mit einem weiteren Grinsen dabei belassen und zum nächsten Titel übergehen.

 

Kevin Devine singt seine Songs, die von komplizierten, modernen Liebesbeziehungen, Vergangenheitsbewältigung und Selbstfindung handeln mit starkem Ausdruck, ohne Rückhalt oder doppelten Boden: in einem kleinen Wohnzimmer aus tiefsten Innerem den Text zu krakeelen ohne, auch wenn es das hier gewählte Wort suggerieren mag, zu überzeichnen, der hat es verdient, mit Manchester Orchestra zu touren und das nunmehr siebente Album auf den Weg zu bringen. Er wird wahrscheinlich keine Columbiahalle füllen, aber jeden bisher von guter Musik unberührten Winkel deine Wohnzimmers – und dafür musst du nicht einmal vor die Tür.

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